Über das Projekt
Antonplatz 15 Chemnitz („783 – Wir sind da!“)
Das Grundstück mit der Flurnummer 783, ehemals Antonplatz 15, inmitten von Chemnitz zwischen Theater, Museum und Bahnhof gelegen, gehörte meinem Großvater Julius Sommerfeld sel. A., der 1940 im KZ Sachsenhausen ermordet wurde.
Auf der Grundfläche von 220 qm stand sein viergeschossiges Haus mit Geschäftsräumen und Wohnungen. Unter NS-Herrschaft enteignet, wurde es zu einem „Jüdischen Altersheim“ umgebaut – in Wirklichkeit eine Sammelstelle vor der Deportation der Chemnitzer Juden in die Vernichtungslager.
Später wurde es von der DDR „in Anspruch genommen“, also ein zweites Mal enteignet, abgerissen und die gesamte Bebauung des Innenstadtbereiches vollkommen neu gestaltet.
In alten Katasterkarten kann man drei Kastanien sehen, von denen nur noch eine steht. Anfang der 1990er Jahre wurde meiner Mutter und mir als Erbinnen meines Vaters das Grundstück nach langen Kämpfen mit dem Freistaat Sachsen rückübertragen. Aufgrund der Historie kam eine Veräußerung des Grundstückes für uns niemals in Frage.
Einführung in ein Projekt, das im Rahmen der „Kulturhauptstadt Chemnitz 2025“ geplant wurde – von Nirit Sommerfeld, Enkelin von Julius Sommerfeld
Julius Sommerfeld vor seinem Geschäft am Antonplatz 15, um 1930
Julius und Margarete Sommerfeld, geb. Lipschütz, um 1910
Stolperstein, verlegt im September 2013
Gedenken und Weitertragen
Bei der Verlegung eines Stolpersteins für Julius Sommerfeld, die 2013 von Schülern des Georgius-AgricolaGymnasiums initiiert wurde, waren meine Mutter und meine ältere Tochter anwesend.
2014 wurde ich mit meiner Band eingeladen, in der Aula dieser Schule, in der sowohl mein Vater als auch mein Großvater eingeschult worden waren, mit meinem Programm ‚Jiddische Weihnacht‘ aufzutreten.
Darin verarbeite ich die Geschichte meines Großvaters vom stolzen Soldaten des Kaisers bis zu seiner Ermordung durch die Nazis.
Vom City-Carré zum Parkplatz
In den 1990er Jahren wollten meine Mutter und ich uns gerne an den Plänen der Stadt beteiligen. Es gab Pläne für die gesamte Umgebung des ehemaligen Antonplatzes: ein ‘City-Carré’ sollte entstehen mit Einkaufszentrum, Garagen, Hotels etc.
Aber schließlich verlangsamte sich alles — mit der Chemnitzer Stadtplanung ging es genauso weiter wie in vielen anderen Städten Ostdeutschlands, nachdem der Hype sich gelegt und die Habgier der Anleger und Investoren erst einmal gestillt war.
So wurde das verwaiste Grundstück, das heute am nördlichen Rand eines riesigen Parkplatzes liegt, jahrzehntelang lediglich als Überfahrt zu den Garagen des angrenzenden Verwaltungsgebäudes genutzt, das zum Städtischen Theater gehört.
Vom City-Carré zum Parkplatz
In den 1990er Jahren wollten meine Mutter und ich uns gerne an den Plänen der Stadt beteiligen. Es gab Pläne für die gesamte Umgebung des ehemaligen Antonplatzes: ein ‘City-Carré’ sollte entstehen mit Einkaufszentrum, Garagen, Hotels etc.
Aber schließlich verlangsamte sich alles — mit der Chemnitzer Stadtplanung ging es genauso weiter wie in vielen anderen Städten Ostdeutschlands, nachdem der Hype sich gelegt und die Habgier der Anleger und Investoren erst einmal gestillt war.
So wurde das verwaiste Grundstück, das heute am nördlichen Rand eines riesigen Parkplatzes liegt, jahrzehntelang lediglich als Überfahrt zu den Garagen des angrenzenden Verwaltungsgebäudes genutzt, das zum Städtischen Theater gehört.
Eine neue Chance
Im Zuge der Vorbereitungen zur Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 ist endlich die Chance gekommen, das Grundstück und seine Geschichte wiederzubeleben – und langfristig vielleicht sogar seine Umgebung: den riesigen Parkplatz zwischen „Parteisäge“, Heckart-Haus, Theaterverwaltung und Kunstsammlungen.
Aber zunächst wollen wir uns auf das Flurstück 783 konzentrieren. Ein interaktives „Zukunfts-Museum der Erinnerungen“ soll dort entstehen, in einem Pavillon oder einem anderen ‚Fliegenden Bau‘, einem großen Bauwagen oder einem Eisenbahnwaggon; ein (mobiles) Zentrum, von dem aus unterschiedliche Kulturformate auch an anderen Chemnitzer Standorten unter Einbeziehung vorwiegend Jugendlicher und junger Erwachsener kreiert werden: Lesungen, Performances, Theatervorstellungen, Konzerte, Begegnungen, Erforschung der Geschichte, Gespräche und Kunstausstellungen.
Der ehemalige ANTONPLATZ 15 soll im Kontext seiner Geschichte für offenen menschlichen Austausch gestaltet und bespielt werden – als ein Ort des guten (Zusammen-)Lebens.
Bei mehreren Besuchen in Chemnitz im Sommer/Herbst 2023 konnten wir fruchtbare Kontakte knüpfen. Daraus entstand ein Konzert, am 16.11.23, in dem meine Tochter und ich – Enkelin und Urenkelin von Julius Sommerfeld – uns erstmals als Künstlerinnen mit dem Programm „783 – Wir sind da!“ präsentieren konnten.
Am 10. Dezember 2023, dem Tag der Menschenrechte, fand eine Matinee im ‚Open Space‘ statt. Dort stellten wir zusammen mit Künstler*innen, die sich am Projekt ANTONPLATZ 15 beteiligen und einbringen wollten, die Projektideen vor, beantworteten Fragen und nahmen Anregungen auf.
Vom ehemaligen ANTONPLATZ 15 soll eine Botschaft ausgehen: Die Erinnerung an die Geschehnisse an diesem Ort soll zu Wachheit, Achtsamkeit und Toleranz mahnen.
Der ANTONPLATZ 15 soll ein neu gestalteter, ein guter Ort zum Leben, Begegnen, Lernen, Forschen und Entdecken, zum Spielen und Feiern werden. Wir wollen eine Brücke zwischen der Vergangenheit und heute, zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher politischer Couleur schaffen.
Es ist uns ein Anliegen, vorwiegend jungen Chemnitzer*innen sowie allen Interessierten die Augen zum Staunen, die Münder zum Lachen und die Herzen zum Lieben zu öffnen, damit die wichtigste Lehre, das „Nie wieder!“ aus unserer individuellen Geschichte, zu einem universalistischen „Nie wieder! Nirgendwo! Mit niemandem!“ wird.
Dafür soll ANTONPLATZ 15 in Zukunft stehen.
Unsere Projekte
Kunstprojekte ANTONPLATZ e.V.
Nirit Sommerfeld
- Wir. Sind. Da – Begegnungs-Performance mit Nirit und Menschen aus Chemnitz
- Agricola meets Antonplatz – Schüler*innen des Agricola-Gymnasiums beschreiten alte
Wege auf den Spuren von Rolf Sommerfeld - Jiddische Weihnacht – Konzert-Lesung von Nirit & ORCHESTER SHLOMO GEISTREICH
- Theaterstückentwicklung mit Patricia Litten: Auf den Spuren von Heinz Litten und Julius Sommerfeld mit Christine Umpfenbach (Projekt Sommerfeld.Litten.X.)